Chris Nains Blog

Digitales Tagebuch

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An euch, die ihr Innovation tötet.

April 29th, 2013 · Keine Kommentare

Als Student war ich Zocker.
Ich habe täglich Stunden vor dem Bildschirm verbracht.

Ich war immer schon ein politisch interessierter Mensch.
Da ich im Glauben war, dass ich diese Welt nicht verändern kann habe ich mich in Welten begeben, in denen ich es doch konnte.

Dann kamt ihr, um das Internet zu kastrieren.
Ein Lebensraum, in dem ich inzwischen nicht nur Spaß und einen Spielplatz mit Freunden gefunden hatte.
Ich las Nachrichten im Internet und tauschte mich mit Freunden aus, über das Studium, über die Wochenendplanung, über alles.

Ihr sagtet das Internet sei gefährlich. Ihr sagtet meine Spiele seinen gefährlich und auch meine Lieblingsmusik hieltet ihr für gefährlich.
Ihr schuft die Vorratsdatenspeicherung, ihr fordertet einen Verbot von “Killerspielen”, ihr diskutiertet über Internetzensur.

In meiner Generation brodelte es. Es entstand eine Bewegung die sich die Eingriffe in ihren Lebensraum nicht gefallen lassen wollte.
Internetaktivisten begannen sich für die Rechte in meinem Lebensraum einzusetzen, ich verfolgte dies bis ich 2009 selbst damit begann Unterschriften für die Wahlzulassung der Piratenpartei zu sammeln und selbst in die Partei eintrat.

Ich wurde vom politisch interessierten Menschen zum politisch aktiven Menschen.

Piraten und Netzaktivisten konnten erste Erfolge erringen und ich sah, dass ich gemeinsam mit anderen doch etwas verändern konnte.
Ich gab das Zocken auf, um zu versuchen die reale Welt zu verändern.

Seit knapp 4 Jahren bin ich nun Pirat. Nach gut 2 Jahren Engagement zogen wir in Berlin in das erste Landesparlament ein.
Inzwischen sind Piraten in 4 Landesparlamenten vertreten und die Bundestagswahl steht bevor, wobei die Piraten jedoch in Umfragen nur bei etwa 3% pendeln.

Heute wird die Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung diskutiert. Mit der Bestandsdatenauskunft wird die Mini-Version der Vorratsdatenspeicherung sowie ein Leistungsschutzrecht zum Nutzen der Großverlage von den großen Parteien und der “Bürgerechtspartei” FDP durchs Parlament gewinkt. Nun möchte die Telekom ihren Kunden das Internet drosseln und bald sicher auch zahlungskräftigen Diensten Sonderkonditionen einräumen.

In den Parlamenten werden die Ideen der Piraten konsequent abgelehnt. In den Medien feiert man unseren Untergang und jubelt eine neue Partei ins Parlament. Eine Partei die besser zu euch passt. Eine Alternative für Deutschland, die vermeintlich euer konservatives Bedürfnis nach Sicherheit im
eigenen Geldbeutel schützen kann. Die euch vor den faulen Südländern schützt, wie es euch die BILD-Zeitung “berichtet”.

Innovation ist tot. Es Lebe die Vergangenheit!

Ich habe das Gefühl wieder dort zu stehen, wo ich vor 4 Jahren stand. Das Internet, mein Lebensraum der so viel Chancen in sich birgt, ist wieder einmal in Gefahr. Die Erneuerung von Demokratie, die Wünsche nach Transparenz, nach offenen für Innovationen nutzbaren Daten, ein Motor für eine neue
Kultur, all das was wir versucht haben nach vorn zu bringen gerät wieder ins Abseits.

Ich habe wieder das Gefühl, dass ich in dieser Welt nichts verändern kann. Für jedes Stück Verbesserung das erkämpft wurde, werden neue Steine in den Weg gelegt. Ich bewege mich im permanenten Ausnahmezustand und müsste eigentlich täglich gegen euren Schwachsinn andemonstrieren.

In den 4 Jahren politischer Aktivität habe ich so viel dazugelernt, dass sich mir dutzende neue Fronten geöffnet haben, an denen man eigentlich auch für eine Verbesserung kämpfen muss. Dieses Land, die ganze Welt, ist so etwas von verdammt im Arsch!

Euch ist das egal. Euch gilt es, eure Pfründe zu sichern.
Eure “nach mir die Sintflut”-Mentalität kotzt mich an!

Eure politischen Aktivitäten beschränken sich darauf, in euren Ämtern für das Wohl euresgleichen zu sorgen. Und ihr lernt euch eine Generation an, die in den Studierendenvertretungen der Hochschulen schon eure Karriere imitieren, unsere verkrusteten Karrierepolitiker von morgen.

Ohne Profil, ohne Ideen für ein besseres Zusammenleben, bestimmt ihr unser Leben und bekommt eure Ärsche für eure Kinder nicht hoch.

Schade eigentlich, dass ihr so viele seid und wir Wenige noch so lange die von euch verpfuschte Welt von morgen ertragen müssen.

Ergänzung: Ein sehr schöner Artikel zum Thema, den ich unbedingt empfehlen möchte ist “Die Grenze verläuft nicht zwischen Jung & Alt sondern zwischen Konservativ & Emanzipatorisch” von AranJaeger im Blog von kpeterlKA. Ich stimme ihm in der Analyse absolut zu, denn ich kenne viele ältere Menschen, die ich mit meinem Text gar nicht ansprechen möchte. Dann gibt es allerdings noch die digitale Kluft und selbst Menschen die man in ihrer politischen Ausrichtung als emanzipatorisch bezeichnen würde, erkennen das emanzipatorische Potential des Internets nicht und beziehen konservative Positionen. Sie halten es für eine technische Spielerei und wollen sind damit nicht mehr beschäftigen. Diese Kluft verläuft allen meinen Erfahrungen nach bis auf wenige Ausnahmen tatsächlich zwischen alt und jung. Natürlich verläuft aber auch hier eine eine Grenze zwischen Konservativ & Emanzipatorisch, nur auf Ebene eines Themenbereiches.

PS: Ich hatte bereits im Mai 2011 in einem Blogpost auf das Problem der Piratenpartei mit der Demographie hingewiesen und wie wir über die Thematik der Bürgerrechte mehr Menschen für die Ziele der Partei begeistern könnten. Wir haben es inzwischen z.B. durch die Unterstützung des #rfcamp geschafft uns besser als Bürger- bzw. (ich würde lieber sagen) Menschenrechtspartei zu positionieren.

Tags: Gesellschaft · Internet · Politik

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